04/03/2019

RNZ Feuilleton

von Julia Behrens

Der Sessel, die Vase, das Licht

Sie heisst Show Room, die neue Ausstellung von Tamara Giesberts in der Neuenheimer Galerie Kunst 2. Der Titel ist klug gewählt, denn die holländische Malerin hat sich auf die Darstellung von Innenräumen spezialisiert. Und diese säumen nun die Wände der von Stefanie Boos geleitete Galerie, die ja selbst so etwas wie ein “show room” ist.

Die gemalten Interieurs haben ganz unterschiedliche Funktionen. Es sind sowohl privat genutzte als auch öffentlich zugängliche Räume: Wohnzimmer, Esszimmer, Hochzeitszimmer oder Hotelfoyers. Und dann sind sie noch viel mehr.

Auf den ersten Blick lassen sie sich mühelos einordnen, Architektur und Einrichtung scheinbar leicht erkennen. Ausserdem geben ihre Titel unmissverständlich Auskunft. Allerdings bei näherer Betrachtung entziehen sich diese Innenansichten sich jeder Eindeutigkeit. Die Realität ist passé, und alles scheint nach einer eigenen, bildimmanenten Regie zu funktionieren.

In dem Gemälde “Lobby” aus 2018 entwirft die gelernte Architektin, die zum dritten Mal in der Heidelberger Galerie mit einer Einzelausstellung vertreten ist, eine Raumsituation, in der perspektivische Gesetze oder die naturalistische Streuung des Lichts ausser Kraft treten. Tamara Giesberts überzieht eine etwas in die Jahre gekommene Eingangshalle mit holzvertäfelter Wand und Louis-Seize-Sesseln mit einem roséfarbenen Schimmer. Die Beleuchtung entspringt zwar mehreren Quellen, doch die Schatten treiben ein eigenwilliges Spiel. Gleichzeitig scheint von den Möbeln selbst eine innere Glanz aus zu gehen, von den Fauteuils, den Blumen, dem Tisch.

Auch in der Maserung des eleganten, türkisfarbenen Marmorfussbodens mit seiner verblüffend “echten” Haptik findet sich ein Leuchten, das über die pure Reflexion hinausweist. Überhaupt regiert die Individualität: der Tisch ragt seltsam offen in dei Raumtiefe hinein und scheint dort ohne Füsse auszukommen, und die merkwürdig unterschiedlichen Sessel schweben mehr, als dass sie stehen.

Selbst die mit Spiegeln versehene Wand folgt mit ihren Fluchtlinien eher kapriziösen Regeln. Doch durch ein raffiniertes, formal und farblich geschaffenes Gleichgewicht, das in ihren aktuellen Bildern noch subtiler ausfällt als in den älteren Arbeiten, fügt Tamara Giesberts alles wieder zusammen.

MIt ihren Räumen verweist die Künstlerin immer auch auf das, was malerisch auf der Leinwand passiert. Sie führt förmlich vor, wie sich die Lebendigkeit in ihre menschenleeren Acryl-Bildern aus schnell skizzierten Partien, mutigen Auslassungen und ausdifferenzierten Details zusammensetzt. Und in diesem ganz anderen Sinn könnte man Gieberts Arbeiten ebenfalls als “show rooms” bezeichnen, als Interieurs, in denen sich der Prozess ihrer Entstehung offenbart.